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„Wie es aussieht habt ihr alle eine Menge Spaß“, bemerkte ich. „Si, amigos . Aber ein
Bolivianer trinkt nicht, weil er es will.“ „Warum sonst?“ „Er trinkt, weil er muss. Das
Leben hier ist hart. Wir können es uns nicht leisten, wie ihr in Urlaub zu fahren, aber
manchmal brauchen wir auch eine Pause.“
Bolivianer, erklärte er, trinken nicht aus Spaß oder um soziale Kontakte zu schmieren,
sondern ausdrücklich, um betrunken zu werden. Das geht bei ihnen sehr schnell. Um
sechs Uhr abends sind die Bars voll. Um neun Uhr abends werden die Körper auf den
Bürgersteig gekarrt. La Paz könnte sehr gut als die Weltstadt der Alkoholiker durchgehen:
In der Nacht torkelt hier praktisch jeder in besoffenem Zustand herum. Wir ließen die
Geschäftsleute singen und weinen und suchten uns etwas zu essen. Mark entschied sich
für die billige Möglichkeit: Einen Hamburger an einem Straßenstand. Ein Mann neben
uns bestellte ebenfalls einen, war aber zu betrunken, um sein Geld zu finden - wenn er
welches hatte. Um dem Standbesitzer zu helfen, ihn loszuwerden, bezahlte ich für ihn.
Nur dass weder ich noch der Standbesitzer ihm klarmachen konnten, dass er jetzt einen
Hamburger besaß. Wir gingen weiter und ließen ihn zum x-ten Mal in seinen Taschen
suchen, während der Standbesitzer versuchte, ihn zu überreden, das verdammte Ding zu
nehmen und einfach zu gehen.
Bolivision (unsichtbare Indianer)
Am nächsten Morgen fanden Melissa und ich ein Cafe fürs Frühstück. Auf dem Fernseher
in der Ecke lief „Bolivision“ - Boliviens wichtigstes Fernsehprogramm.
„Ist dir eigentlich aufgefallen“, sagte ich zu Melissa, „dass die Schauspieler und Moder-
atoren alle Latinos sind? Und alle Leute in den Nachrichten sind Latinos - alle Politiker,
Geschäftsleute, Popstars. Man sieht kaum jemals ein indianisches Gesicht im Fernsehen.
In den Zeitschriften und Zeitungen ist es dasselbe.“ „Komisch“, sagte Melissa. „Ich hatte
erwartet, dass Lateinamerika voller - du weißt schon - heißblütiger Latin Lover und Latin
Girls ist, die in String-Tangas auf den Tischen tanzen.“
Aber überall um uns her saßen die runden, rotbraunen asiatischen Gestalten der Anden-In-
dianer und kauten an ihren zähen Fleischbrocken. Leidgeprüfte, stoische Gesichtszüge.
Kleiner, stämmiger Körperbau. Sie starrten in ihren Matés de Coca oder redeten leise.
Niemand tanzte im G-String auf den Tischen. Hier, mitten in La Paz, erschien die Vorstel-
lung völlig absurd, dass diese Länder Latino -Länder waren. Wie waren wir eigentlich
jemals darauf gekommen?
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