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Open Veins of Latin America , Eduardo Galaeno
Wir machten eine Reise zu einer der Minenkooperativen, die heute die erschöpften Flöze
des Cerro Rico abbauen.
Seit 1985 der Zinnpreis auf dem Weltmarkt eingebrochen ist, hat die staatliche Mine
geschlossen, aber verzweifelte Minenarbeiter suchen immer noch nach Resten von Silber
- mit einfachsten Werkzeugen und bei minimalen Sicherheitsstandards. Unser Führer hieß
Julio Cesar. Er war schlecht gelaunt, weil vier deutsche Touristen ihn hatten warten lassen,
während sie ihren Kaffee tranken.
„Wir zahlen, also kann er warten“, hatten sie gesagt. „Julius Caesar, der Eroberer Eng-
lands“, witzelten wir, um ihn aufzuheitern. Julio lächelte nicht. Er konnte sich offensicht-
lich nicht daran erinnern, irgendein Gringo-Land erobert zu haben. Er führte uns zu einem
Geschäft, wo wir Geschenke für die Minenarbeiter kaufen sollten: Zigaretten, Coca-Blät-
ter, Streichhölzer, Nitroglyzerin und Dynamit. Ich fühlte mich nicht ganz sicher, als ich
diesen explosiven Mix trug, und drückte ihn dem ersten Minenarbeiter in die Hand, dem
ich begegnete.
Ein ungeteerter Weg wand sich die gewaltige Abraumhalde hinauf, in die sich der Cerro
verwandelt hatte. Am Eingang der Mine dienten zwei strohgedeckte Hütten als
Umkleidekabinen und Unterkünfte. Julio ging in eine davon und brachte Helme und eng-
lische Grubenlampen aus der Zeit von Charles Dickens heraus. Zwei Minenarbeiter saßen
auf dem Schotter, kauten Coca-Blätter und tranken selbstgebrannten Whisky. Sie sagten,
sie würden die Entdeckung einer neuen Silberader feiern.
Sie schütteten etwas Whisky auf den Boden. „Eine Gabe für den Berg“, erklärte Julio. Einer
der Minenarbeiter drückte Melissa ein Stück Silber in die Hand. Sein linkes Bein war de-
formiert - die Folge, so erklärte er, eines Unfalls mit einem Bohrer. Der Minenschacht war
so niedrig, dass Mark und ich fast krabbeln mussten.
Julio erklärte, der Cerro bringe inzwischen so geringe Erträge, dass die Kooperativen es
sich nicht leisten könnten, Zeit in einen solchen Luxus wie z.B. in Tunnels zu investieren,
in denen man aufrecht stehen könne. Improvisierte Holzplanken stützten die Decke. „Ja, es
kommt zu Verschüttungen und anderen Unfällen“, erklärte Julio, „aber das größte Risiko
ist die Staublunge. Der Staub in den Minen ist sehr gefährlich. Er zerfrisst die Lungen.
Nach vielleicht zehn oder fünfzehn Jahren kann man sterben.“ Wir waren rund eine Meile
weit im Inneren des Berges. Es gab keine Belüftung außer der Luft vom winzigen Eingang.
Schattige Gestalten, nur von ihren Grubenlampen beleuchtet, hackten mit Handpickeln an
der Oberfläche des Felsgesteins, wobei Schweiß von ihren Augenbrauen tropfte. Jungen,
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