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wegen seiner Größe, aber auch wegen des unmoralischen Angebots, das er uns in der Folge
unterbreitet: Wenn es nach ihm geht, sollen wir unsere Räder nämlich einfach hinten auf
seinen Pick-up werfen, uns daneben hocken und uns auf diese Weise mit Blaulicht am ki-
lometerlangen Stinkestau vorbei über die Brücke nach Amerika mitnehmen lassen.
Tja. - Irgendwie bleibt uns gar keine andere Wahl: Hierbleiben, bis die ihren Umbau end-
lich beendet haben, wollen wir ja doch nicht. Dass wir von Boston nach Blue Water Bridge
mit den Rädern gefahren sind und dort von einer unüberwindbaren Macht am Weiterfahren
gehindert wurden, wird daheim niemanden beeindrucken. Aber über den Atlantik sind wir
ja schließlich auch nicht gerudert. Also der Pick-up-Trick! - Im Vorbeifahren winken wir
dem Volk in der Kolonne natürlich brav zu, wie sich das für einen ordentlichen Staatsbe-
such gehört.
An der Grenze fragen wir nach der Fähre über den Michigansee. Doch wir kommen zu
spät: Die letzte Fähre von Muskegon nach Milwaukee ist vor 28 Jahren ausgelaufen. - Ver-
dammt. Wir hätten uns doch mehr beeilen sollen. Aber es gibt noch eine andere, weiter
nördlich, von Ludington weg. Mit einem kurzen Blick auf die Karte bestimmen wir Schick-
sal und Route der nächsten vier Tage.
Verglichen mit Kanada ist Michigan ein echtes Irrenhaus. Lauter Wahnsinnige. -
Einfach toll hier.
Die Leute in dieser Gegend wirken irgendwie ungezogener. Kanada war natürlich auch
schön, auf jeden Fall europäischer. Dagegen scheinen sich die Michiganer - nun, da wir
den direkten Vergleich haben - irgendwie nicht so ganz unter Kontrolle zu haben. Die Zü-
gel hängen ein wenig lockerer; ein bisschen mehr Laissez-faire und dafür ein bisschen we-
niger Korrektheit.
Was noch auffällt: Viele Michiganer hupen Radfahrern freundlich zu und winken (na
ja, schließlich halten die Motten aus dem uralten Mottenwitz das Klatschen auch für Ap-
plaus …). Und die Straßen haben endlich wieder „Schultern“ - also radfahrtaugliche, as-
phaltierte Bankette.
Am Abend reiten wir in Yale ein (nicht das Yale, irgendein winzig kleines Yale). Ein
kleiner Wanderprater mit schnuckelig-einladenden Bierzelten ist in der Stadt. Wir suchen
uns eine Tür aus, die möglichst nahe an den Bierzelten liegt, und läuten daran. Als sich die
Tür öffnet, steht auf einmal Donna vor uns: Nicht Donna Lonso, wohlgemerkt (die aus der
Ildefonso-Werbung), sondern Donna Worton.
Donna ist eine lokale Zelebrität: Sie ist Mutter von fünf Kindern, hat daneben ein Dut-
zend Geschwister und mindestens ebenso viele Enkel; vor allem aber ist sie die Tochter des
weltberühmten „A&W“-Rootbeer-Erfinders (das „W“ steht für „Worton“, erklärt sie uns).
Als sie fassungslos mit anhören muss, dass wir noch nie in unserem Leben Rootbeer (ir-
gendein alkoholfreies Wurzelgebräu) getrunken haben, schleift sie uns in ihr Fastfood-Re-
staurant (ebenfalls „A&W“) und drückt uns zwei monströse Hamburger und zwei Riesen-
becher Rootbeer in die Hand. („Wenn ich mal in Wien bin, könnt ihr ja mich einladen.“)
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