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Als der allerletzte Tropfen Flüssigkeit auf der Zunge verdampft ist, ist noch immer kein
Ende des Berges in Sicht. Ein Anflug von Verzweiflung. - Minuten später ein Schild am
Ende einer Kurve: „Trucks use low gear!“ Der Pass ist erreicht. Ein Hoffnungsschimmer.
Wenigstens sind wir jetzt oben. Angekommen an diesem stinkenden Pass. Doch Wasser
sprudelt deshalb noch lange keines aus dem heißen Asphalt.
In meiner Agonie klopfe ich an die Fahrertür eines Sattelschleppers, der mit laufendem
Motor am Straßenrand steht. Ein Mann öffnet verschlafen und starrt mich misstrauisch an:
Ob er vielleicht ein bisschen Wasser hätte oder etwas anderes zu trinken. Wir würden auch
dafür zahlen. - Nein, er hat nichts. Gar nichts. Schon deshalb nicht, weil wir ihn mitten in
dieser Einöde beim Mittagsschläfchen gestört haben. (Letzteres sagt er nicht, dafür steht
es umso deutlicher in seinen Augen, kurz bevor die Fahrertür wieder krachend ins Schloss
fällt.) - Ein bierbäuchiger Trucker, der durch die Wüste fährt und nichts zu trinken hat?!
Körperlich und geistig entkräftet lassen wir uns auf der Westseite des Stinking Water Pass
hinunterrollen. Vor ewigen Zeiten war eine Tankstelle angekündigt. Aber bis dorthin sind
es noch immer ein paar Meilen. Und wenn wieder ein Berg dazwischen liegt …? - Nach
einer scharfen Rechtskurve plötzlich ein Rastplatz.
Sicher wieder das Übliche: Eine staubtrockene, mit Müll dekorierte Abstellfläche, ausge-
stattet mit einer Holzbank oder einem Baum. Vermutlich auch mit einem fliegenverseuch-
ten Plumpsklo.
Stefan, der vor mir fährt, verreißt trotzdem beinahe sein Fahrrad, um die Einfahrt noch
zu erwischen. Hat er sich zum Sterben entschlossen? Warum hier? - Plötzlich sehe ich,
was er offenbar schon entdeckt hat: einen Granitsockel, an dessen flacher Oberseite ein
fetter, Sandalen tragender Tourist zu saugen scheint. Die Logik hat mich noch nicht ver-
lassen. Die Stimme schon. - Aus „Wasser!!! Ein Rastplatz mit Wasser!“ wird nicht mehr
als ein erwartungsvolles Röcheln.
Eine Oase: Wasser war noch nie so klar, so kalt, so wohlschmeckend, so flüssig. Wir sind
gerettet - und sehen offenbar auch so aus, als wären wir gerade noch einmal dem Tod ent-
ronnen: Ein Trucker, der gestern Abend aus San Francisco losgefahren ist und sich hier,
auf unserem Parkplatz, Kupplungs- und Gasfuß ein wenig vertreten will, schenkt uns eine
Wassermelone und ein paar Kartoffelchips.
Stefan liegt seit fünfzehn Minuten auf der Picknickbank und rührt sich nicht. Ich mache
mir Sorgen.
Warum ist mir trotz 40 Grad im Schatten auf einmal so kalt?
Mit aufgefüllten Wassertanks und einer Erfahrung für den Rest unseres Lebens fahren
wir weiter. Direkt vor Burns liegt einer der längsten schnurgeraden Straßenabschnitte Ame-
rikas, ein 15-Meilen-Asphaltlineal, so flach und kurvenlos wie das EKG eines verdursteten
Radfahrers. Nach einer Ewigkeit tauchen Häuser am Horizont auf: Burns. Endlich, nach
116,5 Meilen.
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